Arbeitslosengeld - nicht ausreichende deutsche Sprachkenntnisse
Hessisches
Landessozialgericht
Az.: L 6 AL
19/05
Urteil vom
05.12.2007
Vorinstanz: Sozialgericht Marburg, Az.: S 8 AL 283/02, Urteil vom 29.12.2004
Entscheidung:
Auf die Berufung des
Klägers werden das Urteil des Sozialgerichts Marburg vom 29. Dezember
2004 sowie der Bescheid der Beklagten vom 30. November 2001 in der
Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 26. März 2002 aufgehoben.
Die Beklagte hat dem Kläger die notwendigen außergerichtlichen Kosten
beider Instanzen zu erstatten.
Die Revision wird nicht zugelassen.
Tatbestand:
Zwischen den Beteiligten ist die
Rechtmäßigkeit der (teilweisen) Aufhebung und Rückforderung von Arbeitslosengeld
und Arbeitslosenhilfe in der Zeit vom 01.10.1994 bis 08.07.2001 streitig.
Streitig ist dabei insbesondere, ob bei der Berechnung der Leistungen die
Ehefrau des Klägers zu Unrecht berücksichtigt worden ist. Der im Streit stehende
Rückforderungsbetrag beläuft sich auf 10.788,64 DM (5.516,14 EUR).
Der 1943 geborene Kläger ist türkischer Staatsangehöriger. Im März 1979 nahm er
eine Beschäftigung bei der Firma F. AG in D-Stadt auf. Seine Ehefrau H.A. und
die vier gemeinsamen Kinder verblieben in der Türkei. Das
Beschäftigungsverhältnis mit der Firma F. AG endete aufgrund Konkurses zum
28.02.1994. Der Kläger meldete sich am 23.02.1994 arbeitslos und beantragte
Arbeitslosengeld. Dabei gab er u. a. an, er sei seit 1963 verheiratet. Die
vorgelegte Lohnsteuerkarte für das Jahr 1994 weist die Steuerklasse I aus (auch
alle weiteren in den folgenden Jahren vorgelegten Lohnsteuerkarten enthalten die
Steuerklasse I). Die Beklagte bewilligte antragsgemäß Arbeitslosengeld und legte
hierbei zunächst die Leistungsgruppe A zugrunde. Nach Vorlage einer türkischen
Bescheinigung (Blatt 22 der Verwaltungsakte), die die Anschrift der Ehefrau in
der Türkei sowie die Bestätigung enthält, dass diese keine Beschäftigung als
Arbeitnehmer ausübt, bewilligte die Beklagte höheres Arbeitslosengeld aufgrund
der Leistungsgruppe C. Der Anspruch war mit Ablauf des 24.05.1996 erschöpft.
Am 29.04.1996 stellte der Kläger Antrag auf Arbeitslosenhilfe. Zum Familienstand
gab er "dauernd getrennt lebend" an. Weiter bejahte er die Frage nach dem
Zusammenleben mit einer Partnerin und gab hierzu an, mit Frau C. in einer
Haushaltsgemeinschaft zu leben. Diese beziehe monatlich etwa 900,00 DM
Arbeitslosengeld. Die Beklagte bewilligte dem Kläger daraufhin unter teilweiser
Anrechnung des Einkommens von Frau C. (und auch unter Berücksichtigung einer
Rente aus der gesetzlichen Unfallversicherung) Arbeitslosenhilfe ab dem
25.05.1996 und legte wiederum (wie auch bei allen folgenden Bewilligungen) die
Leistungsgruppe C zugrunde. Aufgrund der Angabe des Klägers, er lebe von seiner
Ehefrau dauernd getrennt, hätte die Leistungsgruppe A berücksichtigt werden
müssen. In den Folgeanträgen gab der Kläger zu seinem Familienstand und zu der
Frage des Zusammenlebens mit einer Partnerin jeweils "keine Änderung" bzw. Frau
C. als Lebenspartnerin an. Frau C. arbeitete bei der Firma X. als
Saisonarbeiterin, so dass diese zeitweilig und alternierend über
Arbeitseinkommen und Arbeitslosengeld verfügte. Dies führte zu unterschiedlichen
Anrechnungsbeträgen bei dem Kläger. Im Jahr 1996 kam es wegen einer nicht
rechtzeitig berücksichtigten Wiederaufnahme der Beschäftigung seitens Frau C. zu
einer Überzahlung, die die Beklagte mit Bescheid vom 30.01.1997 gegenüber dem
Kläger geltend machte. In einem am 07.03.1997 erhobenen Widerspruch führte der
Kläger aus, er habe im Hinblick auf Frau C. getrennte Verhältnisse bezogen auf
"Kasse, Bett und Tisch". Es bestehe lediglich ein Untermietverhältnis. Im
Übrigen nehme er an, dass bei der Berechnung der Arbeitslosenhilfe seine in der
Türkei lebende Ehefrau nicht berücksichtigt worden sei. Die Beklagte wertete den
– verfristeten – Widerspruch als Überprüfungsantrag und führte bei dem Kläger
einen Hausbesuch durch. Nach dem Ermittlungsbericht des Außendienstes vom
15.05.1997 (Blatt 191 der Verwaltungsakte) liege bei dem Kläger und Frau C. eine
eheähnliche Gemeinschaft vor. Beide wohnten seit etwa drei Jahren zusammen.
Durch Überprüfungsbescheid vom 16.09.1997 teilte die Beklagte dem Kläger mit, im
Rahmen des Besuchs von Außendienstmitarbeitern hätten der Kläger und seine
Partnerin nicht bestritten, in einer eheähnlichen Gemeinschaft zu leben. Die
Feststellungen in der Wohnung hätten dies bestätigt. Der Bescheid vom 30.01.1997
bleibe deshalb bestehen. Hiergegen hat der Kläger keine Klage erhoben. Am
20.10.1997 stellte der Kläger einen weiteren Antrag auf Arbeitslosenhilfe. Zur
Frage des Zusammenlebens mit dem Ehegatten oder einer Partnerin gab er wiederum
Frau C. an. Er fügte die Lohnsteuerkarte für 1998 (wie bisher Steuerklasse I)
bei. Auf der Kopie der Lohnsteuerkarte ist handschriftlich (wohl von einem
Sachbearbeiter der Beklagten) vermerkt: "Ehefrau lebt in der Türkei – LE wohnt
mit Freundin zusammen". Im Jahr 1998 kam es wegen der unterbliebenen
Berücksichtigung der Unfallrente zu einer weiteren Überzahlung, die die Beklagte
zurückforderte. Der Kläger teilte mit Schreiben vom 06.11.1998 im Rahmen einer
Anhörung mit, er sei nicht in der Lage den Rückforderungsbetrag von 4.736,95 DM
zu zahlen. Er sei arbeitslos und verheiratet. Die Ehefrau sei nicht berufstätig
und habe keine eigenen Einkünfte. Trotz der von der Beklagten selbst
diskutierten etwaigen Haftung ihrer Bediensteten für die Überzahlung setzte sie
durch Aufhebungs- und Erstattungsbescheid vom 28.01.1999 den genannten Betrag
gegen den Kläger gestützt auf §§ 45 und 50 des Zehnten Buchs Sozialgesetzbuch –
Sozialverwaltungsverfahren und Sozialdatenschutz – (SGB X) fest. Der Kläger
erhob hiergegen keinen Widerspruch.
Der Kläger stellte erneut am 20.02.2001 Antrag auf Arbeitslosenhilfe. In dem
Antragsformular ist "dauernd getrennt lebend" angekreuzt. Im Übrigen wies der
Kläger wiederum auf ein Zusammenleben mit Frau C. hin.
Am 26.04.2001 sprach der Kläger persönlich bei der Beklagten vor. Ausweislich
des entsprechenden Vermerks (Blatt 412 der Verwaltungsakte) ging es inhaltlich
um die Aufforderung zur Vorlage einer Rentenauskunft, wobei der Sachbearbeiter
vermerkte: "Herr Ö. versteht das Anliegen nicht." Zu einer weiteren persönlichen
Vorsprache des Klägers kam es am 03.09.2001. In dem Vermerk (Blatt 419 der
Verwaltungsakte) ist folgende Erklärung des Klägers durch die Sachbearbeiterin
QK. aufgenommen: "Ich lebe bereits seit über 10 Jahren von meiner Ehefrau
getrennt (nicht nur räumlich) und habe seitdem die Steuerklasse I. Unterhalt an
meine in der Türkei lebende Ehefrau habe ich nicht gezahlt."
Mit Schreiben vom 08.11.2001 hörte die Beklagte den Kläger im Hinblick auf die
Rückforderung von Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe in Höhe von 10.788,64
DM (5.516,14 EUR) an und führte aus, der Kläger lebe von seiner Ehefrau nicht
nur räumlich getrennt, so dass ein Anspruch nach der Leistungsgruppe C nicht
bestanden habe. Der Kläger habe zwar die Überzahlung nicht verursacht, dieser
hätte jedoch erkennen können, dass die Voraussetzungen für die Leistung in
dieser Höhe nicht erfüllt gewesen seien.
Der Kläger teilte mit Schreiben vom 21.11.2001 mit, der ausgeführte Sachverhalt
treffe nicht zu, denn seine Beziehung zu der in der Türkei lebenden Ehefrau (und
zu den Kindern) existiere weiterhin. Es bestehe auch seine Lebensgemeinschaft
mit Frau C. weiterhin, was stets bei der Berechnung der Arbeitslosenhilfe von
der Beklagten berücksichtigt worden sei. Im Übrigen habe er die jeweilige
Wiederaufnahme der Beschäftigung seiner Partnerin stets mitgeteilt. Eine
Überzahlung habe er deshalb nicht verursacht.
Durch Bescheid vom 30.11.2001 nahm die Beklagte die Bescheide vom 30.05.1994,
19.10.1994, 02.11.1995, 07.06.1996, 23.12.1996, 28.10.1997, 04.12.1998,
22.10.1999, 18.11.1999, 18.09.2000, 19.12.2000 und 23.02.2001 über die
Bewilligung von Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe teilweise bezüglich des
Differenzbetrages der Leistungsgruppe C zur Leistungsgruppe A und für die Zeiten
ab dem 03.08.1998 bis 04.09.1998, 01.12.1998 bis 31.12.1998, 02.08.1999 bis
02.09.1999, 23.09.1999 bis 30.11.1999, 01.12.1999 bis 23.12.1999 und 18.09.2000
bis 26.10.2000 ganz zurück, da der Anrechnungsbetrag aus dem Einkommen der
Partnerin den Leistungssatz übersteige. Zur Begründung führte sie aus, ein
Anspruch auf Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe nach der Leistungsgruppe C
habe nicht bestanden, da der Kläger nicht nur räumlich von seiner Ehefrau
getrennt gelebt habe. Der Kläger habe erkennen können, das ihm die Leistung
nicht in der gewährten Höhe zugestanden habe, da er mit von ihm am 18.04.1994
unterschriebener Bescheinigung über die Voraussetzung für die Gewährung nach
Leistungsgruppe C (auch in Türkisch) belehrt worden sei. Es sei eine zu
erstattende Überzahlung von insgesamt 10.788,64 DM eingetreten.
Der Kläger erhob Widerspruch am 21.12.2001, ohne diesen in der Folgezeit zu
begründen. Durch Widerspruchsbescheid vom 26.03.2002 wies die Beklagte den
Widerspruch unter Hinweis darauf, der angefochtene Bescheid sei rechtmäßig,
zurück.
Der Kläger hat dagegen am 29.04.2002 Klage vor dem Sozialgericht Marburg
erhoben. Er hat vorgetragen, er habe zu keinem Zeitpunkt seine
Mitwirkungspflichten verletzt. Dies sei auch der Leistungsakte zu entnehmen.
Über seine familiäre Situation, die ohne Zweifel besonderer Natur sei, habe er
die Beklagte von Anfang an informiert. Er sei in der Türkei nach wie vor
verheiratet. Für Gastarbeiter sei es nicht unüblich, dass sie von ihren
Ehefrauen räumlich getrennt lebten. Seine in der Türkei lebende Ehefrau beziehe
kein eigenes Einkommen und werde unverändert von ihm unterhalten. Er besuche
seine Ehefrau in der Regel ein- bis zweimal im Jahr. In Deutschland lebe er mit
seiner italienischen Freundin zusammen. Gleichwohl fühle er sich seiner Ehefrau
gegenüber weiterhin verbunden und verpflichtet. Auch das ständig wechselnde
Einkommen seiner Freundin habe er der Beklagten stets mitgeteilt. Eine
möglicherweise falsche Einstufung durch die Beklagte könne nach so vielen Jahren
nicht zu seinen Lasten gehen. Er habe jedenfalls auf den Bestand der jeweiligen
Bescheide in der Vergangenheit vertraut. Dieses Vertrauen sei schutzwürdig. Im
Übrigen sei er nicht in der Lage, den Rückforderungsbetrag zu zahlen, weil er
sämtliche Leistungen der Beklagten für seinen Lebensunterhalt verbraucht habe.
Durch Urteil vom 29.12.2004 hat das Sozialgericht die Klage abgewiesen und im
Wesentlichen ausgeführt, der Kläger habe zu Unrecht Leistungen nach der
Leistungsgruppe C erhalten, denn nach § 137 Abs. 2 Drittes Buch Sozialgesetzbuch
– Arbeitsförderung – (SGB III) seien Arbeitnehmer, auf deren Lohnsteuerkarte die
Lohnsteuerklasse I oder IV eingetragen sei, der Leistungsgruppe A zuzuordnen.
Die Leistungsgruppe C komme zur Anwendung bei Arbeitnehmern, auf deren
Lohnsteuerkarte die Lohnsteuerklasse III eingetragen sei oder die von ihrem im
Ausland lebenden und daher nicht unbeschränkt einkommensteuerpflichtigen
Ehegatten nicht dauernd getrennt lebten. Der Kläger habe im Rahmen einer
persönlichen Vorsprache der Beklagten gegenüber am 03.09.2001 erklärt, dass er
seit über 10 Jahren von seiner Ehefrau (nicht nur räumlich) getrennt lebe und er
deshalb die Steuerklasse I habe. Demnach sei die Zuordnung zur Leistungsgruppe C
seit der ersten Antragstellung auf Arbeitslosengeld im Jahr 1994 falsch gewesen.
Daran ändere auch die besondere Lebenssituation des Klägers nichts. Nach der
deutschen Rechtsordnung sei eine doppelte Berücksichtigung der Ehefrau und der
Lebenspartnerin nicht möglich. Soweit der Kläger vorgetragen habe, dass er ein-
bis zweimal pro Jahr in die Türkei gefahren sei und dort mit seiner Ehefrau
zusammengelebt habe, reiche dies für den Nachweis einer gelebten Ehebeziehung
nicht aus. Da der Kläger Leistungen aufgrund der unzutreffenden Leistungsgruppe
C zu Unrecht erhalten habe, müsse er diese nach § 50 SGB X erstatten. Die in dem
angefochtenen Bescheid genannten Bewilligungsbescheide aus den Jahren 1994 bis
2001 seien gemäß § 45 Abs. 2 SGB X rechtmäßig aufgehoben worden.
Gegen das dem Kläger am 30.12.2004 zugestellte Urteil richtet sich die am
25.01.2005 bei dem Hessischen Landessozialgericht eingegangene Berufung. Der
Kläger trägt erneut vor, dass er seine Ehefrau ein- bis zweimal im Jahr in der
Türkei besuche und dann mit ihr zusammen lebe. Er fühle sich nach wie vor mit
seiner Ehefrau verbunden, weshalb auch keinesfalls eine Scheidung in Betracht
komme. Soweit er den Aktenvermerk der Beklagten vom 03.09.2001 unterschrieben
habe, sei dies in völliger Unkenntnis von dem Inhalt des Vermerks geschehen.
Insoweit sei er der deutschen Sprache nicht mächtig. Daran habe auch sein
jahrzehntelanger Aufenthalt in Deutschland nichts geändert, weil er in einer
türkischen Enklave lebe und weitgehend keinen Kontakt zu deutschen Bürgern habe.
Selbst für einfachste Besprechungen benötige er einen Dolmetscher. Im Verlauf
des Berufungsverfahrens legt der Kläger eine "Unterhaltsbescheinigung" des
Dorfvorstehers des Dorfes K. vom 29.04.2005 vor, wonach er seine Ehefrau
finanziell und ideell unterstütze.
Der Kläger beantragt,
das Urteil des Sozialgerichts Marburg vom 29.12.2004 sowie den Bescheid
der Beklagten vom 30.11.2001 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides
vom 26.03.2002 aufzuheben.
Die Beklagte beantragt,
die Berufung zurückzuweisen.
Die Beklagte hält die sozialgerichtliche Entscheidung sowie den angefochtenen
Bescheid für zutreffend. Sie trägt ergänzend vor, der Kläger sei im Hinblick auf
die Leistungsgruppe C bereits 1994 gebeten worden, eine entsprechende Erklärung
abzugeben. In dieser – auch in türkischer Sprache vorgefertigten – Erklärung
habe der Kläger versichert, dass er von seiner Ehefrau nicht dauernd getrennt
lebe und er dem Arbeitsamt sofort alle Veränderungen anzeigen werde.
Demgegenüber habe der Kläger anlässlich einer persönlichen Vorsprache am
03.09.2001 erklärt, dass er bereits seit über 10 Jahren von seiner Ehefrau
(nicht nur räumlich) getrennt lebe und keinen Unterhalt an seine in der Türkei
lebende Ehefrau zahle. Diese Erklärung sei eindeutig und werde auch durch den
weiteren Vortrag des Klägers nicht widerlegt. Aufgrund des Akteninhalts und der
von dem Kläger abgegebenen Erklärungen müsse davon ausgegangen werden, dass die
Voraussetzungen des § 45 Abs. 2 SGB X erfüllt seien. Im weiteren Verlauf trägt
die Beklagte vor (Schriftsatz vom 18.11. 2005), ein Zeitpunkt, ab dem von einem
dauernden Getrenntleben auszugehen sei, lasse sich nicht mit hinreichender
Sicherheit bestimmen. Weiter hat sie vorgetragen, auch aus den Angaben des
Klägers aus Anlass der persönlichen Vorsprache im September 2001 sei kein
entsprechender Fixpunkt herzuleiten. Jedenfalls seien aber sowohl die
tatbestandlichen Voraussetzungen des § 48 SGB X als auch diejenige des § 45 SGB
X erfüllt.
Wegen der weiteren Einzelheiten wird auf den Inhalt der Gerichtsakte sowie der
beigezogenen Leistungsakte der Beklagten, die Gegenstand der mündlichen
Verhandlung gewesen sind, Bezug genommen.
Entscheidungsgründe:
Die gemäß §§ 143 und 144
Sozialgerichtsgesetz (SGG) statthafte Berufung ist zulässig; sie ist
insbesondere form- und fristgerecht gemäß § 151 Abs. 1 SGG eingelegt worden.
Die Berufung des Klägers ist auch sachlich begründet. Das Sozialgericht Marburg
hat die Klage zu Unrecht durch Urteil vom 29.12.2004 abgewiesen. Der
angefochtene Bescheid der Beklagten vom 30.11.2001 in der Gestalt des
Widerspruchsbescheides vom 26.03.2002 ist rechtswidrig und war ebenso wie das
Urteil des Sozialgerichts aufzuheben.
Zunächst ist festzustellen, dass die Beklagte unter dem 30.11.2001 zwei
Aufhebungs- und Erstattungsbescheide erlassen hat. Der erste Bescheid beinhaltet
die Geltendmachung einer Überzahlung in Höhe von 10.788,64 DM und bezieht sich
auf Zeiträume bis 08.07.2001. Der zweite Bescheid bezieht sich auf den Zeitraum
vom 09.07.2001 bis 31.07.2001 (Erstattungsbetrag 413,77 DM). Mit
Widerspruchsschreiben vom 20.12.2001 hat der Kläger lediglich gegen den
Rücknahme- und Erstattungsbescheid vom 30.11.2001 Widerspruch erhoben. Welcher
der beiden Bescheide gemeint war, erschließt sich nicht, auch nicht aus dem
weiteren Widerspruchsverfahren, weil der Widerspruch nicht begründet worden ist.
Im Klageverfahren hat sich der Kläger jedoch ausdrücklich gegen eine Überzahlung
in Höhe von 10.788,64 DM gewandt. Damit steht fest, dass (allein) der
erstgenannte Bescheid in Höhe von 10.788,64 DM Streitgegenstand ist.
Dieser Bescheid betrifft ausschließlich zurückliegende Zeiträume, so dass er die
Aufhebung der jeweiligen bewilligenden Bescheide für die Vergangenheit
beinhaltet. Maßstab für die Prüfung ist deshalb entweder § 45 Abs. 2 S. 3 SGB X
oder § 48 Abs. 1 S. 2 SGB X, je nachdem ob und ggf. ab welchem Zeitpunkt von
einem dauernden Getrenntleben und damit von einer Rechtswidrigkeit der
bewilligenden Bescheide ausgegangen werden kann.
Der Kläger hat in der Zeit vom 01.10.1994 bis 08.07.2001 von der Beklagten
Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe jeweils berechnet nach der
Leistungsgruppe C erhalten. Nach § 137 Abs. 2 Nr. 3 lit. a) und b) SGB III in
die er in der Zeit vom 01.01.1998 bis 31.12.2004 geltenden Fassung ist die
Leistungsgruppe C maßgeblich entweder für Arbeitnehmer, auf deren
Lohnsteuerkarte die Lohnsteuerklasse III eingetragen ist oder für Arbeitnehmer,
die von ihrem im Ausland lebenden und daher nicht unbeschränkt
einkommensteuerpflichtigen Ehegatten nicht dauernd getrennt leben, wenn sie
darlegen und nachweisen, dass der Arbeitslohn des Ehegatten weniger als 40% des
Arbeitslohnes beider Ehegatten beträgt. Ohne diese Voraussetzung sind
Arbeitnehmer, auf deren Lohnsteuerkarte die Lohnsteuerklasse I (oder IV)
eingetragen ist, der Leistungsgruppe A zuzuordnen. Im Falle der Leistungsgruppe
C ist bei der Berechnung des Leistungsentgelts ein Lohnsteuerabzug nach der
Lohnsteuertabelle für die Lohnsteuerklasse III vorzunehmen (§ 136 Abs. 3 S. 1
Nr. 3 SGB III in der bis zum 31.12.2004 geltenden Fassung). Sofern die
Leistungsgruppe A maßgeblich ist, wird der Lohnsteuerabzug nach der
Lohnsteuerklasse I berechnet (§ 136 Abs. 3 S. 1 Nr. 1 SGB III). Für die
Berechnung der Arbeitslosenhilfe waren die genannten Leistungsgruppen bzw.
Lohnsteuerklassen ebenso relevant, weil sich die Höhe der Arbeitslosenhilfe nach
einem Prozentsatz des Arbeitslosengeldes (Leistungsentgeltes) richtete (§ 195
SGB III in der bis zum 31.12.2004 geltenden Fassung). Die in der Zeit vor dem
01.01.1998 geltenden Vorschriften des Arbeitsförderungsgesetzes (§§ 111 und 136
AFG) waren inhaltsgleich.
Die anfängliche Rechtswidrigkeit im Sinne des § 45 SGB X bzw. die Änderung der
Verhältnisse im Sinne des § 48 SGB X setzt mithin voraus, dass der Kläger von
seiner türkischen Ehefrau nicht nur räumlich, sondern bezogen auf die Ehe -
zumindest ab einem bestimmten Zeitpunkt - dauernd getrennt lebte. Aus der
Aktenlage ergeben sich keine konkreten Hinweise, die einen verlässlichen Schluss
auf die Aufrechterhaltung oder aber den Abbruch der Ehebeziehung zulassen. Dass
eine Ehebeziehung aufrechterhalten werden kann, auch wenn der Ehepartner im
Ausland lebt, ergibt sich bereits aus dem Wortlaut des § 137 Abs. 2 Nr. 3 lit.
b) SGB III. Aus der räumlichen Trennung kann deshalb nicht auch auf eine
Trennung in Bezug auf die Ehe geschlossen werden. Auch die langjährige Beziehung
des Klägers zu seiner Lebenspartnerin, Frau C., führt nicht zwingend zu der
Annahme, dass eine Ehebeziehung zu der türkischen Ehefrau nicht mehr besteht. Im
Termin zur mündlichen Verhandlung hat der Kläger bekräftigt, er halte die
Ehebeziehung zu seiner – mittlerweile schwer erkrankten – türkischen Ehefrau
weiterhin aufrecht. Ob dies zutrifft, mag angesichts der langjährigen Beziehung
zur Lebenspartnerin C. zweifelhaft sein, ausgeschlossen ist dies jedoch nicht.
Insoweit ist es dem Senat verwehrt, die Gestaltung der familiären Verhältnisse
des Klägers nach in Mitteleuropa vorherrschenden Moralvorstellungen zu bewerten.
Eine weitere Aufklärung ist auch nicht durch die Vernehmung der Ehefrau des
Klägers möglich, denn der Kläger hat im Termin zur mündlichen Verhandlung
glaubhaft bekundet, dass seine Ehefrau keine Kenntnis von der Beziehung zu Frau
C. hat. Er hat hierzu ausgeführt, allenfalls ahne seine Ehefrau etwas, das Thema
sei jedoch nie besprochen worden. Wird weiter berücksichtigt, dass der Kläger
entsprechend seinen weiteren glaubhaften Bekundungen nach wie vor einmal im Jahr
in die Türkei reist, um seine Ehefrau zu besuchen, und an diese weiterhin
Unterhalt leistet, was der Wahrnehmung einer Verantwortung seiner Ehefrau
gegenüber entspricht, so muss unter Berücksichtigung der für und gegen das
Fortbestehen einer Ehebeziehung sprechenden Umstände von einem non liquet
ausgegangen werden.
Dem steht der von dem Kläger unterschriebene Vermerk vom 03.09.2001 nicht
entgegen. Insofern kann der Auffassung der Beklagten nicht gefolgt werden,
wonach ab dem Zeitpunkt der persönlichen Vorsprache am 03.09.2001 ein dauerndes
Getrenntleben der Eheleute feststehe. Der Kläger hat hierzu vorgetragen,
aufgrund seiner mangelnden Sprachkenntnisse den Vermerk unterschrieben zu haben,
ohne ausreichende Kenntnis von dem Inhalt gehabt zu haben. Aus dem Vermerk
ergibt sich nicht, dass ein Dolmetscher hinzugezogen worden ist. Dies wäre aber
angesichts der fehlenden Sprachkenntnisse des Klägers unerlässlich gewesen. Im
Termin zur mündlichen Verhandlung hat sich der Senat durch eine Befragung des
Klägers zunächst ohne Übersetzung durch den anwesenden Dolmetscher davon
überzeugt, dass der Kläger nur ansatzweise deutsch spricht. Dies war im Übrigen
der Beklagten auch bekannt, was sich aus dem weiteren Aktenvermerk vom
26.04.2001 ergibt. Danach hat der Kläger an diesem Tag auf eine Aufforderung zur
Vorlage einer Rentenauskunft bei der Beklagten vorgesprochen. Der Sachbearbeiter
vermerkte: "Herr Ö. versteht das Anliegen nicht." Damit ist auch in der Akte der
Beklagten dokumentiert, dass der Kläger nicht über ausreichende deutsche
Sprachkenntnisse verfügt. Dementsprechend war die Beklagte gehindert, eine – für
den Kläger folgenreiche – Erklärung aufzunehmen und von diesem unterschreiben zu
lassen. Es kann im Übrigen auch nicht angenommen werden, dass der Kläger aus
Anlass der Vorsprache vom 03.09.2001 dezidiert angegeben hat, er lebe bereits
seit über 10 Jahren von seiner Ehefrau nicht nur räumlich getrennt. Zum einen
ist eine solche Erklärung mit den vorangegangenen Angaben nicht in Einklang zu
bringen. Zum anderen geht der Senat davon aus, dass von dem Kläger angesichts
der fehlenden Sprachkenntnisse Inhalt und Tragweite einer solchen Erklärung
nicht erfasst worden sind. Dies gilt umso mehr, als der Kläger nach seinen
glaubhaften Angaben im Termin zur mündlichen Verhandlung nie eine Schule besucht
hat und deshalb des Lesens und Schreibens nicht mächtig ist. Die von dem Kläger
unterschriebene Erklärung vom 03.09.2001 kann deshalb keine Rechtswirkungen zu
seinen Lasten entfalten. Hierauf haben sich aber im Wesentlichen sowohl die
Beklagte als auch das Sozialgericht gestützt.
Von einem non liquet wäre im Übrigen auch dann auszugehen, wenn zumindest zum
jetzigen Zeitpunkt ein dauerndes Getrenntleben sicher angenommen werden könnte.
Insoweit reicht es nicht aus, einerseits ein dauerndes Getrenntleben zu bejahen
und andererseits den entsprechenden Zeitpunkt offen zu lassen. Für die
Geltendmachung der Erstattung muss feststehen, ab welchem Zeitpunkt die
Bewilligung ggf. nicht mehr rechtmäßig war. Insoweit bezieht sich die
Rückforderung auf Leistungszeiträume bis zum 08.07.2001. Nur im Falle des
Eintritts eines dauernden Getrenntlebens vor diesem Zeitpunkt kommt überhaupt
eine Rückforderung in Betracht. Die Beklagte selbst hat vorgetragen (Schriftsatz
vom 18.11.2005), dass ein Zeitpunkt, ab dem von einem dauernden Getrenntleben
auszugehen sei, sich nicht mit hinreichender Sicherheit bestimmen lasse. Weiter
hat sie vorgetragen, auch aus den Angaben des Klägers aus Anlass der
persönlichen Vorsprache im September 2001 lasse sich kein entsprechender
Fixpunkt herleiten. Bereits davon ausgehend ist einem Aufhebungs- und
Erstattungsbescheid der Boden entzogen, weil die Erstattungsforderung nicht
zutreffend berechnet werden kann.
Angesichts des bestehenden non liquets kommt der Beweislastverteilung besondere
Bedeutung zu. Grundsätzlich trifft im Falle streitiger Rechtmäßigkeit eines
Rücknahme- und Rückforderungsbescheides die objektive Beweislast für das
Vorliegen der die Rechtswidrigkeit des ursprünglichen Bewilligungsbescheides
begründenden Tatsachen den Leistungsträger. Soweit das Bundessozialgericht (vgl.
Urteil vom 24.05.2006, Az. 11a AL 7/05) eine Ausnahme von diesem Grundsatz dann
als gerechtfertigt ansieht, wenn in der persönlichen Sphäre oder in der
Verantwortungssphäre des Arbeitslosen wurzelnde Vorgänge nicht aufklärbar sind,
d.h. wenn eine besondere Beweisnähe zum Arbeitslosen vorliegt, ist zweifelhaft,
ob diese Ausnahme hier eingreift. Das Bundessozialgericht hat in der genannten
Entscheidung weiter ausgeführt, dass sich eine dem Arbeitslosen anzulastende
Beweisnähe daraus ergeben kann, dass bei der Antragstellung unrichtige oder
unvollständige Angaben gemacht worden sind, was zur Erschwerung der Aufklärung
in späteren Jahren führt. Eine solche Fallgestaltung liegt hier nicht vor, denn
es kann gerade nicht davon ausgegangen werden, dass der Kläger gegenüber der
Beklagten unrichtige Angaben gemacht hat. Allenfalls könnte mithin darauf
abgestellt werden, dass die Frage des Fortbestandes einer Ehebeziehung, da es
sich um persönliche innere Vorgänge handelt, von vornherein der persönlichen
Sphäre des Arbeitslosen zuzurechnen ist mit der Folge einer Beweislastumkehr. Ob
vorliegend eine Beweislastumkehr gerechtfertigt ist, kann jedoch letztlich
dahingestellt bleiben, denn die Rechtmäßigkeit des angefochtenen Rücknahme- und
Rückforderungsbescheides vom 30.11.2001 scheitert auch aus anderen Gründen.
Die Vorschriften der §§ 45 Abs. 2 S. 3 Nr. 2 SGB X und § 48 Abs. 1 S. 2 Nr. 2
SGB X setzen voraus, dass entweder die Bewilligungsbescheide auf Angaben
beruhen, die der Kläger vorsätzlich oder grob fahrlässig in wesentlicher
Beziehung unrichtig oder unvollständig gemacht hat oder der Kläger eine durch
Rechtsvorschrift vorgeschriebenen Pflicht zur Mitteilung wesentlicher für ihn
nachteiliger Änderungen der Verhältnisse vorsätzlich oder grob fahrlässig nicht
nachgekommen ist. Die Beklagte beruft sich in diesem Zusammenhang darauf, der
Kläger sei in der türkischen Bescheinigung – auch in türkischer Sprache – darauf
hingewiesen worden, dass die Leistungshöhe von einem nicht gegebenen dauernden
Getrenntleben abhängt und er verpflichtet ist, Änderungen mitzuteilen. Bereits
die Frage, ob der Kläger überhaupt unrichtige Angaben gemacht bzw. seine
Mitteilungspflichten verletzt hat, lässt sich nicht definitiv beantworten. Wird
davon ausgegangen, dass der Kläger bei der erstmaligen Antragstellung noch nicht
von seiner Ehefrau dauernd getrennt gelebt hat, so waren die Angaben bei der
Antragstellung zutreffend. Wird weiter davon ausgegangen, dass ein dauerndes
Getrenntleben erst ab April 1996 gegeben war (Zeitpunkt der weiteren
Antragstellung 29.04.1996), so waren auch diese Angaben zutreffend, weil in dem
Antragsformular "dauernd getrennt lebend" sowie die Lebenspartnerin C. angegeben
ist. Grobe Fahrlässigkeit ist im Übrigen zu bejahen, wenn eine besonders schwere
Sorgfaltsverletzung vorliegt (§ 45 Abs. 2 S. 3 Nr. 3 2. Halbs. SGB X). Diese ist
gegeben, wenn einfachste, ganz nahe liegende Überlegungen nicht angestellt
werden, wenn nicht beachtet wird, was im gegebenen Fall jedem hätte einleuchten
müssen (BSG, Urteil vom 12.02.1980, Az. 7 RAr 13/79 = SozR 4100 § 152 Nr. 10).
Hierbei ist nach der ständigen Rechtsprechung des Bundessozialgerichts (vgl.
Urteil vom 14.09.1995, Az. 7 Rar 14/95) sowie des erkennenden Senats (vgl.
Urteil vom 10.03.2004, Az. L 6 AL 60/02) ein subjektiver Maßstab anzulegen, bei
dem im Übrigen auch fehlende deutsche Sprachkenntnisse zu berücksichtigen sind.
Insoweit kommt es auf die Gesamtumstände des Einzelfalles an, so dass im Rahmen
der intellektuellen Leistungsfähigkeit und der Bildung des Betroffenen dessen
persönliche Urteils- und Kritikfähigkeit sowie das Einsichtsvermögen zu
berücksichtigen sind. Gemessen an diesem Maßstab kann dem Kläger keine grobe
Fahrlässigkeit zur Last gelegt werden. Er ist Analphabet und zudem der deutschen
Sprache nicht ausreichend mächtig. Nach dem im Termin zur mündlichen Verhandlung
gewonnenen Eindruck handelt es sich bei dem Kläger um eine eher einfach
strukturierte Persönlichkeit. In der Gesamtschau steht jedenfalls zur
Überzeugung des Senats fest, dass dem Kläger der Vorwurf einer besonders
schweren Sorgfaltsverletzung nicht gemacht werden kann.
Dies gilt gleichermaßen bezogen auf die Vorschrift des § 45 Abs. 2 S. 3 Nr. 3
SGB X bzw. des § 48 Abs. 1 S. 2 Nr. 4 SGB X. Die beiden Vorschriften setzen
voraus, dass entweder der Kläger die Rechtswidrigkeit der bewilligenden
Bescheide kannte oder infolge grober Fahrlässigkeit nicht kannte oder der Kläger
wusste bzw. infolge eines besonders schweren Verstoßes gegen die
Sorgfaltspflicht nicht wusste, dass der sich aus dem bewilligenden Bescheid
ergebende Anspruch (teilweise) weggefallen ist. Es gelten die vorstehenden
Ausführungen entsprechend. Von grober Fahrlässigkeit kann gerade nicht
ausgegangen werden. Unterstellt, die Bewilligungsbescheide waren entweder
anfänglich rechtmäßig und eine Änderung in den Verhältnissen (dauerndes
Getrenntleben) ist später eingetreten oder die Bewilligungsbescheide waren
bereits von Anfang an rechtswidrig, kann grobe Fahrlässigkeit nur dann bejaht
werden, wenn der Kläger aus den Bescheiden hätte erkennen können, dass er zu
hohe Leistungen erhält. Dies ist jedoch nicht der Fall. Zum einen wechselte die
Arbeitslosenhilfe in der Höhe ständig, weil das Einkommen der Lebenspartnerin C.
als Saisonarbeiterin schwankte. Zum anderen ist der Hinweis in den Bescheiden
auf die Leistungsgruppe (A oder C) leicht zu übersehen. Dies gilt zumindest für
einen nicht geschäftsgewandten Leistungsbezieher, der auch noch der deutschen
Sprache nicht mächtig ist.
Der angefochtene Bescheid vom 30.11.2001 ist auch angesichts der Fristenregelung
des § 45 Abs. 3 S. 1 SGB X zu beanstanden. Die Beklagte ist bei
Bescheiderteilung von anfänglicher Rechtswidrigkeit aller bewilligenden
Bescheide und damit von einer Anwendung des § 45 SGB X ausgegangen. Wird bei
Annahme der ausgeführten Beweislastumkehr ebenfalls anfängliche Rechtswidrigkeit
unterstellt, so ist die Zweijahresfrist (Rücknahme innerhalb von zwei Jahren ab
der Bekanntgabe des begünstigenden Bescheides), die im Übrigen nicht auch für
Fälle des § 48 SGB X gilt, anzuwenden. Die Beklagte hat mit dem angefochtenen
Bescheid die Bescheide vom 30.05.1994, 19.10.1994, 02.11.1995, 07.06.1996,
23.12.1996, 28.10.1997, 04.12.1998, 22.10.1999, 18.11.1999, 18.09.2000,
19.12.2000 und 23.02.2001 teilweise aufgehoben. Unter Beachtung der
Zweijahresfrist hätten jedoch – ungeachtet der Frage, ob Folgebescheide
überhaupt einen neuen Fristenlauf begründen – lediglich noch die Bescheide vom
18.09.2000, 19.12.2000 und 23.02.2001 aufgehoben werden können. Die Frist gilt
nur dann nicht, wenn Wiederaufnahmegründe entsprechend § 580 Zivilprozessordnung
(ZPO) vorliegen. Derartige Gründe sind jedoch nicht ersichtlich.
Weiter ist im Rahmen der Rücknahme bewilligender Bescheide die in § 45 Abs. 4 S.
2 SGB X geregelte Jahresfrist zu beachten. Entweder gilt (bei anfänglicher
Rechtswidrigkeit der bewilligenden Bescheide) die Jahresfrist des § 45 Abs. 4 S.
2 SGB X originär oder aber (bei späterer Änderung der Verhältnisse) die
Jahresfrist über die in § 48 Abs. 4 S. 1 SGB X enthaltene Verweisung. Die Frist
beginnt mit der Kenntnis von den relevanten Tatsachen. Die Beklagte hat sich
darauf berufen, erst ab dem Zeitpunkt der persönlichen Vorsprache des Klägers am
03.09.2001 entsprechend informiert gewesen zu sein. Dem vermag der Senat nicht
zu folgen. Bei der ersten Arbeitslosmeldung/Antragstellung am 23.02.1994 hat der
Kläger zu der Frage nach seinem Familienstand angegeben, seit 1963 verheiratet
zu sein. Mit der türkischen Bescheinigung, unterschrieben von dem Kläger am
18.04.1994, hat er nochmals versichert, von seiner Ehefrau nicht dauernd
getrennt zu leben. Mit der Arbeitslosmeldung/Antragstellung vom 29.04.1996 hat
der Kläger die Frage nach seinem Familienstand nunmehr mit "dauernd getrennt
lebend" angegeben. Zumindest ist dies im Antragsformular angekreuzt. Zugleich
hat der Kläger erstmals auf seine Partnerin, Frau C., hingewiesen. Mithin war
die Beklagte ab dem Zeitpunkt der Antragstellung von einem dauernden
Getrenntleben – so es vorgelegen hat – und damit von einer Änderung der
Verhältnisse informiert. Wesentlich weitergehende Angaben des Klägers im Rahmen
der persönlichen Vorsprache vom 03.09.2001 sind in dem Aktenvermerk nicht
dokumentiert, auf den sich die Beklagte aber bezieht und den sie als Grundlage
für den Aufhebungsbescheid herangezogen hat. Dementsprechend hätte die Beklagte
bereits ausgehend von dem 29.04.1996 innerhalb eines Jahres tätig werden können
und müssen. Soweit das Bundessozialgericht die Auffassung vertritt, dass die
Jahresfrist regelmäßig erst nach erfolgter Anhörung des Betroffenen beginnen
könne (vgl. Urteil vom 06.03.1997, Az. 7 RAr 40/96), wird dem in der Literatur
kritisch begegnet (vgl. Kasseler Kommentar, § 45 SGB X, Rndnr. 27; Waschull in
LPK-SGB X, § 45, Rndnr. 118). Wird auf den Zeitpunkt der Anhörung abgestellt, so
hat die Behörde die Frist bzw. die Vermeidung des Fristablaufs in der Hand.
Waschull a.a.O. stellt deshalb mit guten Gründen bei unterbliebener Anhörung auf
den Zeitpunkt ab, zu dem die Behörde die Anhörung hätte einleiten können (so
auch LSG Schleswig-Holstein, Fundstelle dort). Dies wäre hier ein Zeitpunkt
gewesen, der sich zeitnah an den Antrag vom 29.04.1996 angeschlossen hätte. Die
Beklagte hat keine Gründe dafür vorgetragen, warum sie nicht bereits 1996
aufgrund der Angaben des Klägers in dem Antragsformular die Leistungsgruppe A
zugrunde gelegt und den Kläger im Hinblick auf eine Aufhebung der
Bewilligungsbescheide angehört hat. Ausgehend von dem 29.04.1996 liegt der
angefochtene Bescheid vom 30.11.2001 weit außerhalb der Frist. Der Senat lässt
jedoch im Ergebnis offen, ob er der genannten Rechtsprechung des
Bundessozialgerichtes folgt, weil sich die Rechtswidrigkeit des angefochtenen
Rücknahme- und Rückforderungsbescheides bereits aus anderen Gründen ergibt.
Insoweit bedarf es keiner abschließenden Beurteilung zur Frage der Einhaltung
der Jahresfrist des § 45 Abs. 4 S. 2 SGB X.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SGG.
Die Revision war nicht zuzulassen, weil die Voraussetzungen des § 160 Abs. 2 Nrn.
1 und 2 SGG nicht vorliegen.