Schiffsführer
– vorsätzliche Trunkenheit
Oberlandesgericht Rostock
Az: 1 Ss 95/08
I 49/08
Beschluss vom
26.06.2008
In der Strafsache wegen Trunkenheit
im Verkehr hat der 1. Strafsenat des Oberlandesgerichtes Rostock auf die
Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Amtsgerichts Wolgast vom
08.01.2008 - Az.: 3 Cs 468/07 - auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft sowie
nach Anhörung des Angeklagten und seines Verteidigers am 26. Juni 2008 gemäß §
349 Abs. 2 und 4, § 354 Abs. 1a StPO einstimmig beschlossen:
I. Das Urteil des Amtsgerichts Wolgast vom 08.01.2008 -3 Cs 468/07- wird im
Rechtsfolgenausspruch aufgehoben, soweit dem Angeklagten die Fahrerlaubnis
entzogen, sein Führerschein eingezogen und die Verwaltungsbehörde angewiesen
worden ist, ihm vor Ablauf von 12 Monaten keine neue Fahrerlaubnis zu erteilen .
II. Die weitergehende Revision wird als unbegründet verworfen, weil die
Nachprüfung des Urteils keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben
hat.
III. Die Kosten des Rechtsmittels werden der Staatskasse auferlegt, die auch die
insoweit angefallenen notwendigen Auslagen des Beschwerdeführers zu tragen hat.
Gründe:
I.
Nach den Urteilsfeststellungen fuhr der Angeklagte am Mittag des 17.02.2007 nach
dem Genuss von vier Litern Bier als Schiffsführer mit dem Fischkutter "C." aus
dem Hafen von B. in Richtung Ostsee, obwohl er erkannte, nicht mehr fahrtüchtig
zu sein. Er verlor im Verlaufe der Fahrt infolge des Alkoholgenusses die
Kontrolle über das Boot, so dass sich der Fischkutter führerlos im Fahrwasser im
Kreis drehte. Rettungskräfte brachten das Schiff in den Hafen zurück. Eine dem
Angeklagten um 18.00 entnommene Blutprobe wies eine Ethanolkonzentration von
2,02 Promille auf.
Das Amtsgericht verurteilte den Angeklagten wegen vorsätzlicher Trunkenheit im
Verkehr zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt
wurde. Darüber hinaus entzog es dem Angeklagten die Fahrerlaubnis, zog seinen
Führerschein ein und wies die Verwaltungsbehörde an, dem Angeklagten vor Ablauf
von 12 Monaten keine neue Fahrerlaubnis zu erteilen (§§ 316 Abs. 1, 69, 69a
StGB).
Mit der dagegen eingelegten Revision wendet sich der Angeklagte insbesondere
gegen die angeordnete Maßregel, hilfsweise wird der gesamte
Rechtsfolgenausspruch zur Überprüfung gestellt.
II.
Die gemäß § 335 Abs. 1 StPO statthafte Sprungrevision ist form- und fristgerecht
eingelegt und begründet worden, mithin zulässig .
1.
Soweit die Revision lediglich die Maßregel nach §§ 69, 69a StGB angreift, ist
darin keine wirksame Beschränkung des Rechtsmittels innerhalb des
Strafausspruchs zu erblicken. Die Beschränkung eines Rechtsmittels auf bestimmte
Beschwerdepunkte ist nur zulässig und wirksam, wenn sie sich auf einen Teil der
in der Urteilsformel enthaltenen Entscheidungen bezieht, der losgelöst vom
übrigen Urteilsinhalt selbstständig geprüft und beurteilt werden kann (BGHSt 29,
359, 364; OLG Frankfurt, Beschl. v. 21.05.1996 -3 Ss 114/96, NZV 1996, 414;
Meyer-Goßner StPO 50. Aufl. § 318 Rdnr. 6 m.w.N.). Der Ausspruch über die
Entziehung der Fahrerlaubnis kann daher losgelöst vom restlichen Strafausspruch
nur dann angefochten werden, wenn sich die Entscheidung über diese Maßregel
unabhängig von den Strafzumessungserwägungen beurteilen lässt (OLG Frankfurt
a.a.O.). Dies ist mit der ganz überwiegenden Rechtsprechung nur dann der Fall,
wenn die Ungeeignetheit des Angeklagten zum Führen von Kraftfahrzeugen auf
körperlichen oder geistigen Mängeln beruht. Ist die Ungeeignetheit dagegen - wie
hier - auf einen Charaktermangel zurückzuführen, stehen Straf- und
Maßregelausspruch in einer so engen gegenseitigen Abhängigkeit, dass sich ein
Angriff gegen die Anordnung nach den §§ 69, 69a StGB auch auf die Strafzumessung
erstreckt (OLG Frankfurt a.a.O.; KK- Ruß, StPO 5. Aufl. 2003, § 318 Rn. 8a; aA
Schönke/Schröder-Stree, 27. Aufl. 2006, § 69 Rn. 68 jeweils m.w.N.).
Demgemäß unterliegt der Rechtsfolgenausspruch insgesamt der Überprüfung durch
das Revisionsgericht.
2.
Während die Strafzumessungserwägungen keinen Rechtsfehler zum Nachteil des
Beschwerdeführers aufweisen, kann die Maßregel keinen Bestand haben, weil das
Amtsgericht zu Unrecht die Voraussetzungen der §§ 69, 69 a StGB angenommen hat.
Entgegen der Auffassung des Amtsgerichts umfasst der Begriff des
"Kraftfahrzeuges" in §§ 69, 69a StGB nicht motorbetriebene Boote oder Schiffe.
Nach ganz vorherrschender Meinung in Rechtsprechung und Literatur gilt für den
Begriff des Kraftfahrzeugs im Sinne des § 69 Abs. 1 StGB die verkehrsrechtliche
Definition des § 1 Abs. 2 StVG, so dass nur Landfahrzeuge erfasst werden, die
durch Maschinenkraft bewegt werden, ohne an Bahngleise gebunden zu sein (vgl.
etwa BayObLG, MDR 1993, S. 1100, 1101; OLG Oldenburg, NJW 1969, S. 199 (zu § 42m
StGB a. F., dem Vorläufer des § 69 StGB); Athing, in: Münchener Kommentar, StGB,
§ 69, Rn. 30; Geppert, in: Leipziger Kommentar, StGB, 11. Aufl., § 69, Rn. 22;
Hentschel, NZV 1993, S. 84, Lackner/Kühl, StGB, 26. Aufl., § 69, Rn. 3 i. V. m.
§ 44, Rn. 3; Stree, in: Schönke/Schröder, § 69, Rn. 11, jeweils m. w. N.). Boote
fallen danach, soweit es § 69 StGB betrifft, generell nicht unter das Merkmal
"Kraftfahrzeug".
Vereinzelten Gegenstimmen (LG Kiel, DAR 2006, 699; LG München, NZV 1993, 83) ist
zwar zuzugeben, dass sich die Begriffsbestimmung in § 1 Abs. 2 StVG zunächst nur
auf Kraftfahrzeuge "im Sinne dieses Gesetzes" bezieht. Aber auch die weiter
gefasste Legaldefinition in § 248b Abs. 4 StGB gilt unmittelbar nur bei
Anwendung "dieser Vorschrift". Wie die zwei unterschiedlichen Ansätze zeigen,
lässt das Merkmal "Kraftfahrzeug" mehrere Interpretationen zu. Da § 69 StGB
keine ausdrückliche Festlegung enthält, ist die Entstehungsgeschichte in den
Blick zu nehmen, die wiederum Aufschluss über den Sinn und Zweck der Norm gibt.
Die Vorschrift wurde durch das Gesetz zur Sicherung des Straßenverkehrs vom 19.
Dezember 1952 als § 42m in das Strafgesetzbuch eingefügt. Das Gesetz bezweckte
eine weitere Sicherung des Straßenverkehrs vor ungeeigneten Kraftfahrern, indem
die früher allein der Verwaltungsbehörde zustehende Befugnis zur Entziehung von
Fahrerlaubnissen unter bestimmten Voraussetzungen auf den Strafrichter
übertragen wurde. Die nachfolgenden Änderungen des § 42m StGB a. F. betrafen
nicht den Begriff des Kraftfahrzeugs, so dass dieser nach Überführung der Norm
in § 69 StGB keine grundlegende Inhaltsänderung erfahren hat (vgl. BayObLG, MDR
1993, S. 1100, 11001 m. w. N.). Aus dem Schutzzweck folgt, dass Kraftfahrzeuge
im Sinne des § 69 StGB einen Bezug zum Straßenverkehr aufweisen müssen. Denn
dieser rechtfertigt sich gerade aus dem mit der Beteiligung am Straßenverkehr
verbundenen hohen Risiken, die dieser infolge seiner Dynamik für Leben,
Gesundheit und Eigentum der Verkehrsteilnehmer mit sich bringt. Dem soll durch
zumindest zeitigen Ausschluss eines ungeeigneten Kraftfahrers vom motorisierten
Straßenverkehr begegnet werden (BGHSt 50, 93). Soweit der große Senat für
Strafsachen des Bundesgerichtshofes in dieser Entscheidung die einschränkende
Auslegung des Begriffs der Ungeeignetheit in § 69 Abs. 1 StGB maßgebend aus dem
Verhältnis dieser Norm zu den Bestimmungen des § 2 Abs. 4 Satz 1, § 3 Abs. 1
Satz 1 StVG i.V.m. § 11 Abs. 1 Satz 3, § 46 Abs. 1 Satz 2 FeV über die
verwaltungsrechtliche Entziehung der Fahrerlaubnis mit dem Argument abgeleitet
hat, der in § 69 Abs. 1 StGB verwendete Begriff der Ungeeignetheit stimme
inhaltlich mit demselben, in den genannten Vorschriften des Straßenverkehrs- und
Fahrerlaubnisrechts verwendeten Begriff überein, muss dies nach Auffassung des
Senats auch für den Begriff des Kraftfahrzeuges in § 69 StGB gelten. Dieser ist
im Sinne des § 1 Abs. 2 StVG auf motorisierte, nicht schienengebundene
Landfahrzeuge zu beschränken (vgl. dazu auch Schäpe, Anm. zu LG Kiel, DAR 2006,
700).
Diese einschränkende Auslegung wird bestätigt durch gesetzgeberische
Überlegungen de lege ferenda. So geht der Bundesrat in seiner Entschließung zur
Überprüfung der Grenzen zulässigen Alkoholgenusses von der Notwendigkeit aus, §
69 StGB erst auf rechtswidrige Taten im Schiffsverkehr erstrecken zu müssen (BR-Drs.
940/04, S. 2). Die dazu ergangene Stellungnahme der Bundesregierung geht unter
Hinweis auf die Entscheidung des Großen Senats des Bundesgerichtshofes ebenfalls
von einer aktuell bestehenden Beschränkung des Schutzzweckes des § 69 StPO auf
den Straßenverkehr aus (BR-Drs. 724/05, S. 3-4, sowie Gesetzentwurf der
Bundesregierung zur Reform des Sanktionenrechts BT-Drs. 15/2725, S. 40). Ist
danach der Begriff des "Kraftfahrzeuges" einschränkend auf solche im
Straßenverkehr auszulegen, scheidet eine Straftat im Zusammenhang mit dem
Schiffsverkehr, wie sie hier vorliegt, als Anlasstat für eine Maßregel nach § 69
StGB aus.
Zu einem anderen Verständnis zwingt auch nicht der Umstand, dass § 69 Abs. 2 Nr.
2 StGB ausdrücklich auf die Strafvorschrift des § 316 StGB verweist, die
unstreitig das Führen von Motorschiffen im fahruntüchtigen Zustand mit erfasst
(vgl. zu diesem Argument LG Kiel a.a.O.). Denn die weiteren Delikte aus dem
Katalog des § 69 Abs. 2 StGB legen wiederum die restriktive Interpretation der
vorherrschenden Meinung nahe. So nennt § 69 Abs. 2 StGB zwar das Vergehen der
Gefährdung des Straßenverkehrs (§ 315c StGB), aber gerade nicht das Pendant zum
Schutz des Bahn-, Schiffs- und Luftverkehrs (§ 315a StGB). Der Hinweis auf § 316
StGB verfängt auch deshalb nicht, weil unter diese Norm auch die nicht mit
Motorkraft betriebenen Fahrzeuge - wie z.B. Fahrräder - fallen, die von
vornherein nicht vom Tatbestand des § 69 StGB erfasst sind.
III.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 473 Abs. 3 StPO, denn der Angeklagte hat bei
einer -wie hier - aus Rechtsgründen nicht möglichen Rechtsmittelbeschränkung
i.S.d. Abs. 3 dann vollen Erfolg wenn er von vornherein erklärt, dass sein
Rechtsmittel nur das beschränkte Ziel verfolgt, das es im Ergebnis auch
tatsächlich erreicht hat. Dies ist hier der Fall, da der Angeklagte von
vornherein sein Rechtsmittel auf die Verhängung der Maßregel gem. §§ 69, 69a
StGB beschränkt wissen wollte.
Ein motorbetriebenes Boot oder Schiff ist kein Kraftfahrzeug i. S. von §§ 69,
69a StGB.