Verjährungsunterbrechung OWi – aufgrund vorläufiger Verfahrenseinstellung
Oberlandesgericht Bamberg
Az.: 2 Ss OWi
1073/06
Beschluss vom
18.04.2007
Leitsatz:
Für die
Verjährungsunterbrechung nach § 33 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 OWiG aufgrund vorläufiger
Einstellung des Verfahrens wegen Abwesenheit kommt es weder auf die tatsächliche
Abwesenheit des Betroffenen an, noch muss ein diesbezüglicher Irrtum der
Verfolgungsbehörde unverschuldet sein (im Anschluss an BGH NStZ 1985, 545; NJW
1981, 133; entgegen OLG Karlsruhe NStZ-RR 2000, 247; OLG Hamm NZV 2005, 491 und
OLG Brandenburg NZV 2006, 100).
Der 2. Senat für Bußgeldsachen des Oberlandesgerichts Bamberg erlässt in dem
Bußgeldverfahren wegen Verkehrsordnungswidrigkeit am 18.04.2007 folgenden B e s
c h l u s s :
1. Die Rechtsbeschwerde der Betroffenen gegen das Urteil des Amtsgerichts M. vom
21.04.2006 wird als unbegründet verworfen.
2. Die Betroffene hat die Kosten ihres Rechtsmittels zu tragen.
G r ü n d e :
I.
Das Amtsgericht verurteilte die Betroffene wegen fahrlässigen Überschreitens der
zulässigen Höchstgeschwindigkeit außerhalb geschlossener Ortschaften um 43 km/h
zu einer Geldbuße von 100 EUR und einem Fahrverbot für die Dauer von einem
Monat. Hiergegen wendet sich die Betroffene mit der Rechtsbeschwerde, mit der
sie die Verletzung materiellen Rechts rügt; insbesondere ist sie der Auffassung,
dass die in Frage stehende Ordnungswidrigkeit verjährt sei.
II.
Die Nachprüfung des Urteils aufgrund der zulässigen Rechtsbeschwerde (§ 79 Abs.
1 Satz 1 Nr. 2 OWiG) hat keinen Rechtsfehler zum Nachteil der Betroffenen
ergeben (§ 349 Abs. 2 StPO i.V.m. § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG).
1. Die der Betroffenen zur Last gelegte Ordnungswidrigkeit ist nicht verjährt.
Die Geschwindigkeitsüberschreitung wurde nach den Feststellungen des
Amtsgerichts am 08.04.2005 begangen. Die Verjährungsfrist beträgt gemäß §§ 24,
26 Abs. 3 StVG drei Monate und nach Erlass des wirksam zugestellten
Bußgeldbescheides sechs Monate. Bis zum Erlass des Urteils ist die
Verfolgungsverjährung mehrfach und jeweils rechtzeitig durch Maßnahmen nach § 33
Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1, 5, 9, 10 und 11 OWiG unterbrochen worden.
a) Zwar hat der Erlass des Bußgeldbescheides am 20.06.2005 die Verjährung nicht
nach § 33 Abs. 1 Satz 1 Nr. 9 OWiG unterbrochen, da er nicht binnen zwei Wochen,
sondern erst am 23.07.2005 wirksam zugestellt werden konnte. In einem solchen
Fall tritt die Unterbrechung erst durch die spätere Zustellung ein (Göhler OWiG
14. Aufl. § 33 Rn. 35). Zu diesem Zeitpunkt war jedoch noch keine Verjährung
eingetreten, da diese durch die am 28.06.2005 erfolgte vorläufige Einstellung
des Verfahrens wegen Abwesenheit der Betroffenen gemäß § 33 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5
OWiG wirksam unterbrochen worden war und die Verjährung deshalb neu zu laufen
begonnen hatte (§ 33 Abs. 3 Satz 1 OWiG).
b) Wie sich den Akten, die dem Senat aufgrund des von Amts wegen zu prüfenden
Verfahrenshindernisses zugänglich sind, entnehmen lässt, war die Betroffene
tatsächlich nicht unbekannten Aufenthalts. Da der unter der ermittelten
Hauptwohnung in der L.-Straße in B. versandte Anhörungsbogen nicht in Rücklauf
gekommen war, wurde die örtliche Polizeidienststelle in B. mit der Anhörung des
Fahrers beauftragt. Diese stellte die polizeiliche Meldung der Betroffenen unter
zwei weiteren Nebenwohnungen, nämlich in der K.-Alle in B. und in der P.-Straße
in N. fest, wobei sich die Betroffene nach deren Ermittlungen zur damaligen Zeit
hauptsächlich in B. aufhalten sollte. Aufgrund eines offensichtlichen Versehens
wurde der Bußgeldbescheid unter der Anschrift P-Straße in B. versandt und konnte
dort zwangsläufig nicht zugestellt werden. Daraufhin stellte der Sachbearbeiter
der zentralen Bußgeldstelle mit Verfügung vom 28.06.2005 das Verfahren wegen
unbekannten Aufenthalts vorläufig ein und veranlasste die Aufenthaltsermittlung
durch eine Anfrage beim Einwohnermeldeamt in B., woraufhin ihm die bereits
bekannte Anschrift K.-Allee in B. mitgeteilt wurde. Unter dieser Anschrift
konnte der Bußgeldbescheid sodann am 23.07.2005 zugestellt werden.
c) Gemäß § 33 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 OWiG unterbricht die vorläufige Einstellung
des Verfahrens wegen Abwesenheit des Betroffenen durch die Verfolgungsbehörde
oder den Richter die Verjährung. Die enumerative Aufzählung der
verjährungsunterbrechenden Handlungen in § 33 OWiG sollte wie in § 78 c StGB
gegenüber der früher geltenden Regelung der Rechtsklarheit und damit der
Rechtssicherheit dienen, weil angesichts des Gewichts der
Unterbrechungshandlungen und damit ihrer generellen Eignung zur ernstlichen
Förderung der Verfolgung im Einzelfall keine Prüfung mehr notwendig sein sollte,
ob die Unterbrechungshandlung zur Förderung des Verfahrens geeignet oder
bestimmt war (BayObLGSt 1976, 28/30; 1979, 91/92; 1999, 128/129).
Hieraus folgt, dass den in § 33 OWiG aufgeführten Maßnahmen nur in engen Grenzen
die Unterbrechungswirkung abgesprochen werden kann. Soweit sie nicht nichtig
sind, tritt auch bei ihrer Fehlerhaftigkeit die Verjährungsunterbrechung ein
(BGH NJW 1981, 133/134 ; Schönke/Schröder/Sternberg-Lieben StGB 27. Aufl. 2006 §
78 c Rn. 3). Insbesondere kommt es auf ihre konkrete Eignung zur
Verfahrensförderung, das heißt, ob die getroffene Maßnahme notwendig oder
zweckmäßig war, nicht an (BGH NJW NStZ 1985, 545/546). Erforderlich ist
lediglich, dass die getroffene Maßnahme sich gegen eine bestimmte Person wegen
einer bestimmten Tat in einem bestimmten Verfahren richtet und sich für den
Betroffenen erkennbar aus den Akten ergibt (KK-Weller OWiG 3. Aufl. 2006 § 33
Rn. 7 und 12 jeweils m.w.N.). Diese Voraussetzungen liegen hier unzweifelhaft
vor.
d) Dass die Voraussetzungen einer vorläufigen Einstellung des Verfahrens nach §
205 StPO i.V.m. § 46 Abs. 1 OWiG nicht vorlagen, weil die Betroffene tatsächlich
nicht abwesend war, ist daher kein Grund, der Unterbrechungshandlung die
verjährungsunterbrechende Wirkung abzusprechen. Nach BGH (BGHSt 46, 160/168)
sind sogar Maßnahmen, die einzig dem Ziel dienen, den Eintritt der Verjährung zu
verhindern, grundsätzlich zulässig. Ob dies auch für eine willkürlich getroffene
Scheinmaßnahme gilt (so BayObLGSt 1999, 128/130), kann hier wie in der
Entscheidung des BGH (aaO) offen bleiben, da vorliegend jedenfalls keine
Anhaltspunkte für eine willkürliche Handhabung gegeben sind.
Die Annahme, dass die Betroffene unbekannten Aufenthalts sei, basiert auf einem
Irrtum des Sachbearbeiters der Bußgeldstelle, der wiederum auf einem Versehen
bei der Adressierung des Bußgeldbescheides beruht. Im Hinblick auf die oben
aufgezeigten Grundsätze schadet daher ein Irrtum über die tatsächliche
Abwesenheit nicht, wie es bislang auch einhelliger obergerichtlicher
Rechtsprechung und Literaturmeinung entsprach (OLG Hamm VRS 51, 217/218; OLG
Köln VRS 54, 361; 57, 433; BayObLG VRS 58, 389; Göhler OWiG § 33 Rn. 3 a.E.
m.w.N. und Rn. 27; Schönke/Schröder StGB § 78 c Rn. 18).
e) Darauf, dass der Irrtum der Behörde zudem unverschuldet sein müsse, wie die
Rechtsbeschwerde unter Berufung auf die Entscheidungen des OLG Karlsruhe (NStZ-RR
2000, 247) und des OLG Hamm (NZV 2005, 491) sowie nunmehr auch des OLG
Brandenburg (NZV 2006, 100) meint, kommt es nicht an. Eine solche Einschränkung
lässt sich der oben aufgezeigten Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur
Wirksamkeit verjährungsunterbrechender Handlungen nicht entnehmen; sie
widerspricht ihr vielmehr insoweit, als hiermit geprüft wird, ob die Maßnahme
zur Förderung des Verfahrens tatsächlich geboten war. Auch aus den von den
zitierten Obergerichten in Anspruch genommenen Entscheidungen BGHSt 26, 80 ff
und BGHSt 28, 381 ff, in denen der BGH an dem Grundsatz festhielt, dass die
Vorschriften über die Unterbrechung der Verjährung eng auszulegen sind, ergibt
sich dieses nicht. Diese Entscheidungen betrafen die Frage, ob die jeweils
getroffenen Maßnahmen überhaupt Unterbrechungshandlungen im Sinne des § 29 Abs.
1 OWiG a.F. bzw. § 78 c StGB n.F. darstellen.
Da sich der Senat mit der hier vertretenen Rechtsauffassung in Übereinstimmung
mit der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs befindet, kommt eine Vorlegung
gemäß § 121 Abs. 2 GVG nicht in Betracht (KK-Hannich StPO 5. Aufl. § 121 GVG Rn.
26 m.w.N., insbes. BGHSt 13, 149/151).
2. Schuld- und Rechtsfolgenausspruch des angegriffenen Urteils sind
revisionsrechtlich nicht zu beanstanden. Zur Begründung wird auf die auch unter
Berücksichtigung der Erwiderungsschrift vom 10.08.2006 zutreffende Stellungnahme
der Generalstaatsanwaltschaft in ihrer Antragsschrift vom 28.07.2006 Bezug
genommen.
3. Der Umstand, dass seit der Tatbegehung auf Grund des eingelegten
Rechtsmittels nunmehr zwei Jahre verstrichen sind, macht die Anordnung eines
Fahrverbots angesichts der gravierenden Geschwindigkeitsüberschreitung und der
bestehenden Vorahndung noch nicht entbehrlich (BayObLG ZfS 2002, 203), selbst
wenn sich die Betroffene tatsächlich in der Zwischenzeit verkehrsgerecht
verhalten haben sollte.
4. Kostenentscheidung: § 473 Abs. 1 Satz 1 StPO i.V.m. § 46 Abs. 1 OWiG.