Verkehrsunfall
– Schadensersatz bei deckungsgleichen Vorschäden
Oberlandesgericht Brandenburg
Az: 12 U
110/09
Urteil vom
19.11.2009
Die Berufung der Beklagten gegen das am 19.05.2009 verkündete Grundurteil der 2.
Zivilkammer – Einzelrichter – des Landgerichts Cottbus, Az. 2 O 350/07, wird
zurückgewiesen.
Die Kosten des Berufungsverfahrens haben die Beklagten zu tragen.
Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.
Die Revision wird nicht zugelassen.
Gründe
I.
Die Berufung ist zulässig, insbesondere form- und fristgerecht eingelegt. Die
Beklagten rügen, das Landgericht habe ihren erstinstanzlichen Vortrag und das
Beweisergebnis nicht zutreffend gewürdigt und sei so zu einem rechtlich nicht
haltbaren Ergebnis gelangt. Sie machen damit eine fehlerhafte
Tatsachenfeststellung im Sinne von § 513 Abs. 1, § 529 Abs. 1 ZPO, auf der das
Urteil auch beruhen kann, geltend. Die Begründung der Berufung ist auch
hinreichend im Sinne von § 520 Abs. 3 ZPO.
II.
In der Sache hat die Berufung jedoch keinen Erfolg.
1.
Das Grundurteil ist in zulässiger Weise ergangen. Ein Grundurteil darf nur
ergehen, wenn ein Anspruch nach Grund und Höhe streitig ist, alle Fragen, die
zum Grund des Anspruchs gehören, erledigt sind und wenn nach dem Sach- und
Streitstand der Anspruch mit hoher Wahrscheinlichkeit in irgendeiner Höhe
besteht (BGH BauR 2007, 429; NJW-RR 2005, 928; 1008; NJW 2001, 224; BGHZ 110,
200, 201). Diese Voraussetzungen sind bei dem geltend gemachten
Schadensersatzanspruch, bei denen die Schadensbestandteile auf dem gleichen
rechtlichen und sachlichen Grund beruhen (s. hierzu BGH BauR 2007, 429, zitiert
nach juris Rn. 13) und die Reparaturkosten nach Grund und Höhe streitig sind,
erfüllt.
a) Bedenken gegen die Zulässigkeit des Grundurteils bestehen insbesondere nicht
im Hinblick auf die etwa mangelnde Kompatibilität eines Teils der Schäden. Denn
wie das Landgericht zutreffend ausgeführt hat, haften die Beklagten dem Grunde
nach jedenfalls für einen Teil der geltend gemachten Schäden. Ein gänzlicher
Haftungsausschluss wäre nur in dem Fall zu bejahen, dass das Vorhandensein von
Altschäden aufgrund mangelnder Kompatibilität oder aus anderen Gründen
feststünde und die geltend gemachten Schäden auch auf dem Ereignis beruhen
könnten, durch das der nicht dem Unfall zuzuordnende Vorschaden verursacht wurde
(vgl. KG, VRS 114, 418 ff., zitiert nach juris Rn. 13 m.w.N.; OLG Köln, VersR
1999, 865, zitiert nach juris Rn. 8; Hanseatisches OLG, OLGR 2001, 261, zitiert
nach juris Rn. 3, 5; einschränkend: OLG Düsseldorf, NZV 2008, 295, zitiert nach
juris Rn. 25). Dies ist hier indes nicht der Fall. Vielmehr ist es nach dem
Gutachten des gerichtlichen Sachverständigen denkbar (und auch wahrscheinlich),
dass alle Schäden des klägerischen Pkw auf das Schadensereignis vom 06.09.2007
zurückzuführen sind. Auch die Beklagten räumen nunmehr eine teilweise –
abgrenzbare - Schadensverursachung ein. Sie haben sich insoweit die
Stellungnahme des von ihnen eingeschalteten Gutachters zu Eigen gemacht, wonach
jedenfalls „die Verursachung der Schäden an den Türen nicht strittig" sei. Kann
aber der nachweislich durch den Unfall bedingte (Neu-) Schaden von dem nicht
nachweislich unfallbedingten (Alt-) Schaden technisch und rechnerisch
voneinander abgegrenzt werden, darf dem Geschädigten ein Ersatz des
Unfallschadens nicht vollständig versagt werden, und ist ihm der nachweislich
unfallbedingte Teilschaden zu ersetzen (OLG Düsseldorf, NZV 2008, 344, zitiert
nach juris Rn. 25, 28 unter Hinweis auf OLG München, NZV 2006, 261, zitiert nach
juris Rn 22; BGH DAR 1990, 224, zitiert nach juris Rn. 4 (ebenfalls zu einem
Grundurteil)).
b) Die zum Anspruchsgrund gehörenden Tatsachen sind seitens des Landgerichts
auch hinreichend festgestellt worden. Das Landgericht hat die Haftungsquote
allein auf die zwischen den Parteien unstreitigen Tatsachen bzw. den von den
Beklagten selbst geschilderten Unfallablauf gestützt.
Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus dem Gutachten des Sachverständigen B…,
der zur Frage der Kompatibilität der Schäden beauftragt wurde. Zwar hat dieser
das Gutachten zugleich unter unfallanalytischen Gesichtspunkten erstattet. In
seinem Gutachten hat er aber in Übereinstimmung mit dem Klägervortrag zunächst
zutreffend vorausgesetzt, dass die Zeugin G… vorwärts gefahren ist. Soweit die
Beklagten mit der Berufung die Auffassung vertreten, der Kläger müsse sich die
anders lautende Feststellung im Tatbestand des landgerichtlichen Urteils
entgegen halten lassen, ist dies unrichtig. Denn die Beklagten haben das
Grundurteil insgesamt angefochten, mit der Folge, dass das Urteil auch bezogen
auf den Kläger nicht rechtskräftig ist. Zudem machen die Beklagten gerade
geltend, das Landgericht habe den Vortrag der Parteien fehlerhaft festgestellt
und gewürdigt. Das Berufungsgericht hat daher das landgerichtliche Urteil
umfänglich zu prüfen und auch die Beweiswürdigung dahingehend zu überprüfen, ob
das zutreffende Ergebnis gefunden worden ist (vgl. BGH NJW 2005, 1583).
Ebenfalls unrichtig ist der pauschale Hinweis der Beklagten, der Kläger müsse
die Erklärungen seiner Zeugin gegen sich gelten lassen. Vielmehr hätte der
Kläger eine hiervon divergierende Behauptung nicht bewiesen. Zwischen den
Parteien war es jedoch unstreitig, dass sich die Fahrzeuge zum Zeitpunkt der
Kollision in Bewegung – die Ehefrau des Klägers in Vorwärts-, der Beklagte zu
2.) in Rückwärtsbewegung - befunden haben. Freilich hat der Kläger den Vortrag
der Beklagten zum „Hindernis" missverstanden, sodass auch sein Vortrag
missverständlich war. Mit dem „Hindernis" war lediglich der Transporter gemeint,
nicht aber ein weiteres, etwa stehendes Hindernis, auf das das klägerische
Fahrzeug aufgefahren wäre.
Soweit der Sachverständige unter Berücksichtigung der zutreffend wiedergegebenen
Unfallschilderung der Unfallbeteiligten und den von ihm vermessenen und
festgestellten Schäden nach einer Unfallanalyse festgestellt hat, dass sich der
Unfall wie in der Darstellung S. 27 des Gutachtens ersichtlich ereignet haben
muss, mithin die Zeugin G… nach dem Anstoß eine Ausweichlenkung vollzogen haben
muss, ist dies für die Haftung dem Grunde nach und damit für die Frage der
Zulässigkeit des Grundurteils unerheblich. Festzuhalten ist hierzu allerdings,
dass die sachverständigen Feststellungen mit den letztlich als Schlussfolgerung
bezeichneten Bekundungen des Beklagten zu 2.) in der mündlichen Verhandlung vom
19.05.2009 übereinstimmen. Dies hat aber keine Auswirkungen auf die
Haftungsquote, sondern allein auf die Frage, ob die Schäden, die dann durch eine
etwa fehlerhafte Reaktion der Ehefrau des Klägers - die statt zu bremsen,
versucht hat, auszuweichen und dadurch die Schäden offensichtlich vergrößert hat
- noch adäquat kausal auf das Unfallereignis zurückzuführen wären. Hiervon zu
unterscheiden ist die Frage des Mitverschuldens, das im Hinblick auf die
Ausweichlenkung zu verneinen ist. Zwar wird die Frage des Mitverschuldens durch
falsches Reagieren eines Verkehrsteilnehmers diskutiert und lediglich dann
verneint, wenn er in einer ohne sein Verschulden eingetretenen, für ihn nicht
voraussehbaren Gefahrenlage keine Zeit zu ruhiger Überlegung hat und deshalb
nicht das Richtige und Sachgerechte unternimmt, um den Unfall zu verhüten,
sondern aus verständlicher Bestürzung objektiv falsch reagiert (BGH DAR 1976,
185 m. w. Rechtsprechungsnachweisen; so auch OLG Düsseldorf, NZV 2006, 415, 416;
2007, 614). Hierbei wird jedoch ersichtlich auf den Zeitpunkt vor der Kollision
abgestellt. Vorliegend geht es aber um eine Schadensverstärkung, da die
Kollision jedenfalls in erster Linie durch das Rückwärtsfahren des Beklagten zu
2.) (dazu siehe unten Ziffer 2. lit. b) aa) f.) verursacht wurde. Die über die
äquivalente Kausalität hinausgehende Adäquanz ist anzunehmen, wenn das
Unfallereignis im Allgemeinen und nicht nur unter besonders eigenartigen,
unwahrscheinlichen und nach dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge außer Betracht zu
lassenden Umständen geeignet sein kann, einen Erfolg der eingetretenen Art
herbeizuführen (Palandt/Heinrichs, BGB, 68. Aufl., Vorb. v. § 249 Rn. 59). Dies
ist hier zu bejahen. Denn ein Ausweichen nach einem Anstoß ist eine gewöhnliche
Reaktion, mag sie auch im Streitfall unbeabsichtigt zur Verstärkung der Schäden
geführt haben. Auch das Gegenlenken begegnet unter diesem Gesichtspunkt im
Hinblick auf die an der rechten Seite befindlichen Mauer keinen durchgreifenden
Bedenken. Vor diesem Hintergrund wäre das Verhalten der Ehefrau des Klägers – an
dieser Stelle die Richtigkeit der sachverständigen Ausführungen auch ohne
weitere Stellungnahme zu den Einwendungen der Beklagten unterstellt – noch als
eine gewöhnliche Reaktion zu betrachten, sodass die eingetretenen Schäden –
ebenfalls die Kompatibilität aller Schäden unterstellt – sämtlich ersatzfähig
wären.
2.
Auch in Bezug auf die seitens des Landgerichts festgestellte Haftung der
Beklagten ist die Berufung unbegründet. Denn dem Kläger steht gegenüber den
Beklagten dem Grunde nach ein Schadensersatzanspruch aus §§ 7 Abs. 1, 18 Abs. 1
StVG, § 3 Nr. 1 PflVG a.F. umfänglich zu. Der verschuldensabhängige – mithin von
den Voraussetzungen her weitergehende – Anspruch aus § 823 Abs. 1 BGB bleibt
daher unerörtert.
a) Keine Partei kann für sich ein unabwendbares Ereignis im Sinne von § 17 Abs.
3 StVG in Anspruch nehmen. Denn der Unfall wäre für beide Parteien vermeidbar
gewesen. Unabwendbar ist ein Ereignis, wenn es durch die äußerste mögliche
Sorgfalt nicht abgewendet werden kann, wobei ein schuldhaftes Fehlverhalten ein
unabwendbares Ereignis ausschließt; darlegungs- und beweisbelastet ist
derjenige, der sich auf die Unabwendbarkeit beruft (König in: Hentschel/König/Dauer,
Straßenverkehrsrecht, Kommentar, 40. Aufl., § 17 StVG Rn. 22 f. m.w.N.). Die
Beklagten stellen die Abwendbarkeit ihrerseits im Hinblick auf das
Rückwärtsfahren nicht mehr in Abrede. Der Kläger hat seinerseits keinen
Sachverhalt vorgetragen und bewiesen, der die Annahme eines unabwendbaren
Unfalls rechtfertigt. Die Zeugin G… hätte als Idealfahrerin den Unfall ebenfalls
vermeiden können, indem sie bei aufmerksamerer Fahrweise das Rückwärtsfahren des
Beklagten zu 2.) bemerkt und gehupt oder zeitiger gebremst hätte.
b) Demgemäß sind die Verursachungsbeiträge der Beteiligten nach § 17 Abs. 1 StVG
gegeneinander abzuwägen. Dabei ist auf die Umstände des Einzelfalles
abzustellen, insbesondere darauf, inwieweit der Schaden vorwiegend von dem einen
oder anderen Teil verursacht worden ist. Bei der Abwägung der Verursachungs- und
Verschuldensanteile der Fahrer der beteiligten Fahrzeuge sind unter
Berücksichtigung der von beiden Fahrzeugen ausgehenden Betriebsgefahr nur
unstreitige bzw. zugestandene und bewiesene Umstände zu berücksichtigen (vgl.
BGH NJW 2007, 506; KG, NZV 1999, 512; NZV 2003, 291). Jeder Halter hat dabei die
Umstände zu beweisen, die dem anderen zum Verschulden gereichen und aus denen er
für die nach § 17 Abs. 1 StVG vorzunehmende Abwägung für sich günstige
Rechtsfolgen herleiten will (BGH NZV 1996, 231).
Nach diesen Grundsätzen haften die Beklagten umfänglich. Dabei sind folgende
Verkehrsverstöße des Beklagten zu 2.) als Fahrer des Transporters anzunehmen:
aa) Der Beklagte zu 1.) hat hier gegen seine ihm nach § 9 Abs. 5 StVO
obliegenden Sorgfaltspflichten verstoßen. Rückwärtsfahren, d.h. Fahren gewollt
in Heckrichtung, ist gemäß § 9 Abs. 5 StVO nur zulässig, wenn eine Gefährdung
anderer ausgeschlossen ist (König, a.a.O., § 9 StVO Rn. 51 m.w.N.). Dabei
spricht bei einer Kollision während des Zurücksetzens der erste Anschein für
eine schuldhafte Sorgfaltspflichtverletzung des Rückwärtsfahrenden (KG, VRS 108,
190, 192; VM 1988, 32; König, a.a.O., Rn. 55 a.E.). Voraussetzung für die
Annahme eines Anscheinsbeweises ist, dass ein typischer Geschehensablauf
vorliegt, d.h. unstreitig oder mit Vollbeweis bewiesen ist (BGH NJW 1982, 2447
f.), der unter Verwertung allgemeiner Erfahrungsgrundsätze den Schluss auf eine
bestimmte Ursache zulässt und damit dem Richter die Überzeugung in vollem Umfang
begründet (BGH NJW 1982, 2668). Die Typizität ist nach der Lebenserfahrung zu
beurteilen, wobei bloße Wahrscheinlichkeiten nicht genügen, da der
Anscheinsbeweis nicht auf bloße Indizien gestützt werden kann (Greger in:
Zöller, ZPO, 27. Aufl., vor § 284 Rn. 29). Der behauptete Vorgang muss deshalb
zu jenen gehören, die schon auf den ersten Blick nach einem durch
Regelmäßigkeit, Üblichkeit und Häufigkeit geprägten „Muster" (BGH NJW 1991, 230,
231) abzulaufen pflegen. Dies ist hier im Hinblick auf das unstreitige Auffahren
des Transporters des Beklagten zu 2.) auf das in Bewegung befindliche Fahrzeug
des Klägers beim Zurücksetzen zu bejahen. Der Beklagte zu 2.) ist dabei zurück
gefahren, ohne hinreichend auf den rückwärtigen Verkehr zu achten. Er hat
insoweit selbst erklärt, das klägerische Fahrzeug nicht gesehen zu haben.
bb) Des Weiteren ist ein Verstoß des Beklagten zu 2.) gegen § 10 S. 1 StVO
insoweit anzunehmen, als dieser mit seinem Fahrzeug vom Fahrbahnrand des
Feldweges rückwärts angefahren ist, ohne den rückwärtigen Verkehr hinreichend zu
beachten. Das Anfahren vom Fahrbahnrand aus ist das Inbewegungsetzen des
Fahrzeugs nach nicht verkehrsbedingtem Halten (KG, NZV 2004, 637; LG Berlin, NZV
2004, 635, 636). Auch dies ist hier zu bejahen. Es ist zwischen den Parteien
unstreitig, dass der Beklagte zu 2.), nachdem er ein Paket ausgeliefert und zu
diesem Zweck hinter dem auf der Fotodokumentation der Anlage K 6, Bild Nr. 3 (Bl.
61 d.A.), ersichtlichen Hoftor angehalten hatte, beabsichtigte, auf dem Feldweg
in die G…straße zurückzusetzen. Hierzu musste er das aus seiner Sicht hinter ihm
parkende Fahrzeug umfahren. Gegen den Beklagten zu 2.) spricht auch hier der
Beweis des ersten Anscheins. Kommt es in unmittelbarem zeitlichen und räumlichen
Zusammenhang mit einem Anfahren zu einer Kollision mit dem fließenden Verkehr,
spricht der Anschein gegen den vom Fahrbahnrand Anfahrenden (Brandenburgisches
OLG, DAR 2002, 307 (Kollision mit gleichgerichtetem Verkehr); KG, VM 2001, 27;
OLG Frankfurt VersR 1999, 864; vgl. auch OLG Köln DAR 2006, 27). Auch dies ist
hier zu bejahen, da die Kollision unmittelbar im Zusammenhang mit dem rückwärts
gerichteten Anfahren erfolgte. Dabei hätte der Beklagte zu 2.) gesteigert den
fließenden Verkehr beachten müssen. Dies hat er, da er – wie bereits erörtert -
die mit ihrem Pkw herannahende Ehefrau des Klägers überhaupt nicht wahrgenommen
hat, nicht erfüllt. Aus demselben Grund trifft den Beklagten zu 2.) im Hinblick
auf das Umfahren des parkenden Pkw auch ein Sorgfaltspflichtverstoß im Sinne von
§ 6 StVO.
cc) Demgegenüber ist nicht festzustellen, dass auch die Zeugin G… gegen ihre
allgemeinen, aus § 1 Abs. 2 StVO resultierenden Sorgfaltspflichten verstoßen
hat.
Derjenige, der beim Rückwärtsfahren ein anderes Auto beschädigt, trägt
grundsätzlich die umfängliche Haftung für den Verkehrsunfall (KG, VRS 108, 190;
VM 88, 32). Hier liegen auch keine Umstände vor, die die Mithaftung des Klägers
gebieten. Es ist zwischen den Parteien unstreitig und auch durch die
nachvollziehbare Schilderung des Beklagten zu 2.), der keinerlei Tendenz hatte,
seine eigene Unfallbeteiligung herabzuspielen, zumal er einräumte, in Eile
gewesen zu sein und den Pkw des Klägers nicht gesehen zu haben, bestätigt, dass
der Transporter vor dem Anfahren hinter dem Hoftor gestanden hat. Dies ist auch
mit der als Anlage K 1 vorgelegten klägerischen Skizze (Bl. 8 d.A.) ohne
Weiteres in Übereinstimmung zu bringen. Der Transporter stand – auch hierzu
besteht zwischen den Schilderungen des Beklagten zu 2.) und der Skizze des
Klägers Übereinstimmung – dabei schräg. Beim Anfahren fuhr er daher schräg nach
hinten, um den hinter ihm parkenden Pkw zu umfahren. Zu diesem Zweck schaltete
er die Warnblinkanlage ein und musste auch den Rückwärtsgang eingelegt haben.
Zwar hat der Beklagte zu 2.) im Rahmen seiner Anhörung angegeben, trotz seiner
Eile vorsichtig zurückgefahren zu sein. Dass dies aber nicht zutreffen kann –
und auch mit der im Übrigen indes fraglichen Aussage der Zeugin G… nicht in
Einklang zu bringen ist -, wird belegt durch den Umstand, dass der Beklagte zu
2.) den klägerischen Pkw überhaupt nicht wahrgenommen hat. Dies wäre ihm aber im
Hinblick auf die Fahr- bzw. Stellungsposition der Fahrzeuge bei Beachtung der im
Verkehr erforderlichen Sorgfalt ohne Weiteres möglich gewesen. Demgegenüber hat
die Zeugin G… keine Sorgfaltspflicht verletzt. Zwar ist der Vertrauensgrundsatz
der Straßenverkehrsordnung, dass sich grundsätzlich jeder Verkehrsteilnehmer an
die Regeln hält, bei offensichtlichem fremdem verkehrswidrigem Verhalten nicht
anwendbar. Wer einen fremden Verkehrsverstoß bemerkt oder pflichtgemäß hätte
bemerken müssen (OLG Oldenburg, DAR 1999, 73, zitiert nach juris Rn. 26), muss
sich darauf einstellen (OLG Koblenz, VRS 66, 219) und besonders vorsichtig
fahren (König, a.a.O., § 1 StVO Rn. 24 unter Hinweis auf BGH VM 56, 8; VRS 19,
344). Dies steht allerdings nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme nicht fest. Die
Aussage der Zeugin G… kann für die Bewertung der Unfallbeteiligungen nicht
herangezogen werden. Zum einen stützt sich der Kläger selbst nicht auf ihre
Aussage. Zum anderen ist die Aussage weder mit dem Sachverständigengutachten
noch mit den Unfallschilderungen der Beteiligten vor dem Rechtsstreit, auch in
der Verkehrsunfallmitteilung, in Übereinstimmung zu bringen. Nach dem
unbestrittenen Vortrag des Klägers erfolgte die Kollision ca. 35 m hinter dem
Einmündungsbereich. Angesichts der Unfallschilderung des Beklagten zu 2.), die
insoweit mit der Schilderung der Ehefrau des Klägers übereinstimmt, stieß der
Transporter gegen den Pkw, als sich der Transporter noch in Schrägstellung
befand. Daraus folgt, dass die Kollision fast unmittelbar nach dem Anfahren des
Transporters erfolgt sein muss. Weiter zu berücksichtigen ist der Umstand, dass
die Straße sehr eng ist und ein Ausweichen nach rechts nicht oder nur
geringfügig möglich war. Es ist auch nicht erwiesen, dass die Ehefrau des
Klägers den Transporter so frühzeitig hätte wahrnehmen können, dass sie ohne
Weiteres hätte anhalten können. Ungeachtet dessen wäre der Unfall selbst dann
aber wahrscheinlich nicht vermieden worden, da der Beklagte zu 2.) das
klägerische Fahrzeug, wie bereits erörtert, überhaupt nicht gesehen hatte.
Die damit allein in Betracht kommende Betriebsgefahr des klägerischen Fahrzeugs
tritt im Hinblick auf die gemäß § 9 Abs. 5, § 10 S. 1 StVO gesteigerten
Sorgfaltspflichten des Beklagten zu 2.) zurück (König, a.a.O., § 17 StVG Rn. 10,
§ 2 StVO Rn. 55 a.E. jew. m.w.N.).
III.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 ZPO; die Entscheidung über die vorläufige
Vollstreckbarkeit auf § 708 Nr. 10, § 713 ZPO.
Die Revision ist nicht zuzulassen. Im Hinblick darauf, dass die Entscheidung des
Senats einen Einzelfall betrifft und der Senat dabei nicht von bestehender
höchst- oder obergerichtlicher Rechtsprechung abweicht, kommt der Rechtssache
weder grundsätzliche Bedeutung zu (§ 543 Abs. 2 Nr. 1 ZPO), noch erfordern die
Fortbildung des Rechts oder die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung
eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs als Revisionsgericht (§ 543 Abs. 2 Nr.
2 ZPO).